Vielfalt auf dem Feld

Das Tomaten-Memo

 

Zusammenfassung

„Bund und kostbar: Vielfalt auf dem Feld“ lautet das Motto des Tomaten-Memos in Herrenberg. SpaziergängerInnen und BesucherInnen des interkulturellen Gemeinschaftsgartens wird damit in einer Kombination aus Spiel und Information nahegelegt, wie wichtig der Erhalt unserer natürlichen Vielfalt ist.

Die Tomate eignet sich aufgrund ihrer großen Sortenvielfalt als besonders gutes Beispiel. Die Verbindung von Standort und Inhalt ermöglicht einen einfacheren Zugang zum Thema, da auch im Garten verschiedene Tomatensorten wachsen. Außerdem wecken die beweglichen Memo-Elemente Interesse und Neugierde, sodass Vorbeigehende spielerisch allerlei Wissenswertes rund um die Tomate und ihre einzelne Sorten erfahren können.

Details

Das Memo ist in eine 110x60cm große Informationstafel integriert:

  • In einem Text auf der linken Seite der Tafel werden mehrere Problemfelder angesprochen. Darauf folgen Hintergrundinformationen und Handlungsempfehlungen zum jeweiligen Gebiet.
  • Die 15 einzelnen Memo-Kärtchen sind 10x10cm groß und drehbar auf Eisenstangen angebracht. Das mittlere Kärtchen dient als Anleitung und Einladung zum Spiel.
  • Auf jedem Kärtchen ist eine Tomatensorte abgebildet: Jede Sorte zweimal, sodass Pärchen gebildet werden können. Auf der Rückseite der Pärchen finden sich je eine Information zur abgebildeten Sorte und eine allgemeine Information zum Thema Tomate und ihren globalen Zusammenhängen.
  • Alle Kärtchen haben ähnliche Designelemente und beginnen mit den Überschriften: „Schon gewusst?“ und „Schon probiert?“
  • Um BesucherInnen zum direkten Handeln einzuladen, plant die Initiative „Interkultureller Gemeinschaftsgarten Herrenberg“ eine Samentauschbörse neben der Installation anzubringen.
Das Tomaten-Memo verbindet Spiel und Information

Das Tomaten-Memo verbindet Spiel und Information

Die Memo-Kärtchen zeigen Bilder und Informationen von verschiedenen Tomatensorten

Die Memo-Kärtchen zeigen Bilder und Informationen von verschiedenen Tomatensorten

Die Tafel befindet sich zwischen dem Gemeinschaftsgarten und einem angrenzenden Spieltplatz

Die Tafel befindet sich zwischen dem Gemeinschaftsgarten und einem angrenzenden Spieltplatz

    Hintergrund

    Saatgut ist kostbar, denn es ernährt die Menschheit. Das beständige Sammeln und Züchten von Saatgut hat eine enorme Vielfalt an Kulturpflanzen hervorgebracht. Über Jahrtausende hinweg wurde Wissen über die Auswahl, Erhaltung und Lagerung von Saatgut für den Ackerbau von Kleinbauern und -bäuerinnen gesammelt. Dieses wertvolle Gut wird bis heute noch von Generation zu Generation weitergegeben.

    Internationale Agrarkonzerne verfolgen jedoch einen anderen Ansatz, indem sie Nahrungsmittel industriell produzieren und nicht auf den langjährig angeeigneten Erfahrungsschatz der kleinbäuerlichen Betriebe eingehen. Sie produzieren gewinnbringende Hochleistungssorten in riesigen Monokulturen. Die große Verantwortung, Vielfalt zu bewahren und auszubauen, in der sich viele Kleinbauern und -bäuerinnen sehen, wird von der industriellen Agrarwirtschaft außer Acht gelassen.

    Dabei sieht ein vielfältig bewirtschaftetes Feld oder ein bunter Kleingarten nicht nur schön aus; diese Vielfalt ist zudem die beste Risikoabsicherung gegen Schädlinge und unvorhersehbare Wetterbedingungen – gerade auch in Zeiten des Klimawandels. Kleinbauern und –bäuerinnen sowie (Gemeinschafts-)Gärtner und Gärtnerinnen nehmen hiermit eine wesentliche Rolle bei der Erhaltung unserer natürlichen Vielfalt und damit auch für die Ernährungssicherung ein.

    Sie bewahren bewusst nur die besten Körner für die nächste Saison auf. In der Fachsprache ist hierbei vom „Nachbau samenfesten Saatguts“ die Rede. Samenfestes Saatgut vererbt bestimmte Sorteneigenschaften von Jahr zu Jahr weiter. Das bringt den großen Vorteil mit sich, dass es Sorten gibt, die Dürren oder extremen Regenfällen standhalten können, wo andere keine Überlebenschance hätten.

    Große Monokulturen mit Hybrid-Saatgut haben im Vergleich dazu einen entscheidenden Nachteil: Jedes Jahr muss das Saatgut neu gekauft werden, da es sehr schnell seine speziellen Eigenschaften verliert, was Bauern und Bäuerinnen in die Abhängigkeit großer Konzerne treibt. Darüber hinaus ist ein erfolgreicher Anbau von Hybrid-Saatgut auf zusätzliche Pestizide und Dünger angewiesen. Diese zusätzlichen Anschaffungen sind mit sehr hohen Kosten verbunden, welche viele Kleinbauernfamilien nicht stemmen können. Dennoch – weltweit ließen sich Bauern und Bäuerinnen von Hybridsorten überzeugen in Erwartung höherer Erträge und einer erheblichen Erleichterung bei der anstrengenden Feldarbeit. Die Konzerne der Agrarindustrie boten den Fortschritt schließlich all inclusive an: Saatgut, Dünger und Schädlingsbekämpfung. Vorerst trug das Ganze global gesehen dazu bei, dass genug Nahrungsmittel zur Verfügung standen, damit kein Mensch hungern müsste. Der Anbau von Hybrid-Saatgut konnte in der Vergangenheit jedoch Dürren und Regenzeiten häufig nicht standhalten. Hungersnöte und Mangelernährung waren nur einige der katastrophalen Folgen. Aber auch ohne Wetterextreme nahmen die Ernteerträge wieder ab, oftmals mussten Lebensmittel zugekauft werden, die zuvor selbst angebaut wurden. Viele Familien gerieten so nicht nur in die Abhängigkeit der Konzerne, die Saatgut, Düngemittel und Pestizide anboten, sondern verschuldeten sich auch durch die hohen wiederkehrenden Kosten.

    Es gilt daher, die besondere Bedeutung der Kleinbauern und -bäuerinnen anzuerkennen und ihre Rolle zu stärken. Dazu zählt auch, ihren Zugang zu Land, Wasser und Saatgut zu sichern und keine weitere Verdrängung durch profitorientiere Konzerne zuzulassen. Langfristig gewährleisten nämlich nicht die großen Monokulturen mit immer gleichen Hochleistungsorten, sondern die arten- und sortenreichen Felder von Kleinbauern und -bäuerinnen die Ernährungssicherheit.

    Standort und Kooperationspartner

    Das Tomaten-Memo entstand in Kooperation mit der Initiative „Interkultureller Gemeinschaftsgarten Herrenberg“. Der Gemeinschaftsgarten liegt direkt an der Stadtmauer unweit des Marktplatzes und mehrere Fußwege führen an dem Grundstück vorbei.

    Die Installation wurde erstmals am Herrenberger Energietag in der alten Turnhalle vorgestellt. Nach diesem ersten mobilen Einsatz der Tafel wurde die Installation auf zwei Edelstahlfüßen fest angebracht. Sie befindet sich jetzt neben dem Eingang des Interkulturellen Gemeinschaftsgartens Herrenberg in unmittelbarer Nachbarschaft zum angrenzenden Spielplatz. Durch diese Lage kann die Thematik mit dem direkten Umfeld verknüpft werden und es ist gewährleistet, dass viele Menschen daran vorbeikommen.

    Budget

    Bildmaterial und Design

    200€

    Druck und Produktion

    2.200 €

    Anbringung

    500 €

    Gesamtsumme

    2900€

    Entwicklungsphasen

    1. Schritt:

    Wahl von Objekt und Thema

    Für den interkulturellen Gemeinschaftsgarten in Herrenberg war es wichtig, eine Installation zu schaffen, die sowohl die vorbeigehenden PassantInnen, als auch die BesucherInnen des angrenzenden Spielplatzes und natürlich die GemeinschaftsgärtnerInnen selbst anspricht und für sie einen Mehrwert bietet. Es bot sich daher an, eine Kombination aus Spiel und Information zu schaffen, die für Erwachsene und Kinder interessant gestaltet ist. Auf spielerische Weise können junge und ältere BesucherInnen daher mithilfe des Tomaten-Memos etwas über die Vielfalt der Tomate und die Bedeutung dieser exemplarischen Sortenvielfalt für die Ernährungssicherung lernen.

    2. Schritt:

    Technische und andere Gegebenheiten prüfen

    Nachdem die ersten thematischen Überlegungen in der Gruppe abgeschlossen waren, konnten durch einen Besuch des Gartens die Gegebenheiten vor Ort überprüft werden.

    Zum einen durfte die Tafel nicht zu hoch angebracht werden, da das Spiel für die Kinder gut sichtbar und greifbar sein sollte, zum anderen auch nicht zu tief und gut lesbar. Erste Überlegungen, das Memory an einem Treppengeländer zu befestigen, wurden daher wieder verworfen, da sie sich als nicht praktikabel erwiesen. Für die technische Umsetzung war es weiterhin wichtig, dass die Installation stabil genug konzipiert wird, um eventuellem Vandalismus standzuhalten. Gleichzeitig sollte sie für spielende Kinder ungefährlich und einladend sein. Da die Installation im Freien aufgestellt wird, war es außerdem relevant, dass diese der Witterung trotzen kann. Bei all diesen technischen Fragen stand uns der spätere Hersteller des Memos, der bereits viele interaktive Elemente für Spielplätze gebaut hat, beratend zur Seite.

    3. Schritt:

    Inhalte festlegen

    Die Texte der Bildungsinstallation sind in mehrere Ebenen geteilt, sodass mehr LeserInnen dafür gewonnen und die Informationen übersichtlich dargestellt werden können.

    Aufgrund der großen vorhandenen Sortenvielfalt erschien uns die Tomate als besonders geeignetes praktisches Beispiel für dieses Thema. So konnten wir die besondere Bedeutung dieser Sortenvielfalt und ihre Bedrohungen im Haupttext ansprechen und das Thema so einführen. Außerdem finden sich auf dieser Ebene Handlungsanregungen, durch die jede/r Einzelne im Alltag zu mehr Vielfalt beitragen kann.

    Da für das Memo-Spiel mehrere Spielkärtchen wurden, entschieden wir uns kurze, prägnante Informationen zur Tomate im Allgemeinen und den jeweiligen Sorten im Speziellen auf den einzelnen Kärtchen zu verteilen. Die Sprache ist insgesamt bewusst einfach gehalten, sodass die Informationen leicht aufgenommen werden können.

    4. Schritt:

    Kostenplanung und Koordination der Handwerker und Dienstleister

    Um die Pflanzentafel zu realisieren, mussten vor der Inhaltserarbeitung zunächst Gespräche mit verschiedenen Dienstleistern geführt werden, ob und vor allem wie das angedachte Spiel umsetzbar ist. In unserem Fall fanden wir einen Anbieter, der das Spiel selbst entwerfen konnte, dann aber auch die Koordination mit der Schlosserei sowie der Druckerei übernahm, was den Abstimmungsbedarf stark vereinfachte. Damit alle Arbeitsschritte nahtlos ineinander übergehen können und keine Missverständnisse auftreten, ist es durchaus sinnvoll, dass auch die Dienstleister untereinander in Kontakt treten – in unserem Fall fand daher ein Austausch zwischen der Grafikerin und dem Hersteller des Memos statt.

    5. Schritt:

    Vor-Ort-Installation und weitere Betreuung

    Das Memo wurde in zwei Teilen direkt nach Herrenberg geliefert. Die Tafel war bei der Anlieferung vom Hersteller bereits fertig montiert, die beiden Edelstahlfüße waren allerdings noch nicht daran befestigt. Der Aufbau des Memos erfolgte dann durch die Technischen Dienste der Stadt, die die Fundamente aushoben, die Füße darin befestigten und die Platte schließlich darauf verschraubten. Der Betreuungsaufwand des Memos ist verhältnismäßig gering. Es sollte lediglich von Zeit zu Zeit geprüft werden, ob alle Kärtchen noch gut drehbar sind und sich nichts verhakt hat.

    Nutzerreaktionen

    • "Es ist wichtig, auf Vielfalt zu achten."
    • Eine befragte Nutzerin möchte sich, inspiriert durch das Memo, für mehr Artenvielfalt im Garten einsetzen.

    Resümee

    Pro & Contra

    Pro

    • Die Installation ermöglicht durch ihren spielerischen Charakter auch Kindern einen Zugang zum Thema.
    • Durch den Bezugspunkt Garten können Ort, Thematik und Handlungsempfehlung miteinander verbunden werden.

    Contra

    • Die Karten des Memos können nicht gemischt werden.
    • Durch die bewegbaren Teile könnte es zu einem schnelleren Verschleiß der Installation kommen.

    Mehr zu diesem Thema

    "Vielfalt bewahren - Wie geht das?" Übersichtliche Infoblätter rund um das Thema Vielfalt vom Dachverband Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt (letzter Aufruf 2017/10/10)
    https://kulturpflanzen-nutztiervielfalt.org/materialien

    Vielfalt säen: Warum es so wichtig ist, freies Saatgut zu erhalten, erläutert diese Broschüre von Brot für die Welt (letzter Aufruf 2017/10/10)
    https://www.ekd.de/agu/download/Broschuere-Saatgut_Vielfalt_saeen.pdf

    Tomaten mit Samen selbst vermehren: Eine Videoanleitung für die Vermehrung von Tomatensamen (letzter Aufruf 2017/10/10)
    http://www.ndr.de/ratgeber/garten/nutzpflanzen/Tomaten-mit-Samen-selbst-vermehren,tomatensamen101.html

    Tomatenvielfalt für Auge und Gaumen: Eine Zusammenstellung vielfältiger, alter Sorten findet sich beim BUND (letzter Aufruf 2017/10/10)
    http://region-hannover.bund.net/themen_und_projekte/nutzpflanzenvielfalt/tomatenvielfalt_fotos/

    Die Rolle der Saatgut-Konzerne: Welche Macht große Agrarkonzerne in unseren Beeten übernehmen erklärt Garten Global (letzter Aufruf 2017/10/10)
    http://garten-global.de/hunger-im-ueberfluss/verlust-der-vielfalt/

    Saatgutrecht und Sortenvielfalt: Zu den politischen Hindernissen hat Dreschflegel einige Informationen zusammengestellt (letzter Aufruf 2017/10/10)
    http://www.dreschflegel-verein.de/saatgutrecht/

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